Du musst dein Ändern leben! – Lektüreempfehlungen für das andere Leben jenseits des Mutterseins

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Vor einem gemütlichen Kaffeetischchen in einem Freiburger Szenecafé sitzend, sieht die Welt gleich ganz anders aus. Als Vollzeitmutti weiß ich solche raren Momente der Freiheit sehr zu schätzen! Das Kind ist gut versorgt bei Papa und hängt wahrscheinlich im Park ab. Soll der Vater doch mal jede Minute von der gemütlichen Decke aufspringen, die eigentlich zum Mittagsschlaf einlädt.

Junior ist inzwischen 9 Monate alt und sehr, sehr mobil. Nein, Mobilität ist für das was da geschieht, eigentlich gar kein Ausdruck. Unter Mobilität stelle ich mir vor, ich sitze im ICE und draußen wird die Landschaft an mir vorbeigetragen. All das geschieht ohne mein Zutun, einzige Voraussetzung ist der Kauf einer Fahrkarte.

Das Gewusel des kleinen Sohnes hingegen verlangt stetige Aufmerksamkeit und teilweise blitzschnelles Eingreifen. Ich sage nur: Kronkorken, Fahrradöl, Sonnenschirme mit Schrauben auf Kinderhöhe, Steckdosen, … Aus dem beschaulichen Mobilsein wird durch meinen Sohn postwendend der Zwang zur eigenen Mobilität. Was für die Figur noch gut ist, ist für meine Nerven Gift. Schließlich sind die Nächte auch nicht gerade Wellnesskuren.

Aber nun, heute, übernimmt das ja der Papa. Gott sei Dank.

Und ich sitze in einem Café. Mit Arbeitswunsch. Das ist ein wirklich gutes Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass es aufwärts geht. Dass die ganz schlimmen Zeiten der nächtlichen Ruhestörung, der Zahnungsbeschwerden, der Drei-Monats-Koliken, vorbei sind. Und dass wir ganze neun Monate Babyzeit hinter uns gebracht haben und noch da sind!
Darum, liebe Mamis und Papis, die ihr noch in dieser Phase des Allergröbsten steckt, ist dieser Blogbeitrag für euch. Ich bin ein lebendes Beispiel dafür, dass man das durchstehen kann. Wenn man die richtigen Bücher kennt. Ja, richtig gelesen. Man kann und sollte sich besonders in der ersten Babyzeit Freiraum für die richtige Lektüre nehmen.
Man kennt das. Kaum ist das Plag auf der Welt, wird man mit gutmeinenden Ratgebern überhäuft. Natürlich gibt es tatsächlich ein paar Klassiker, die im Bücherregal nicht fehlen dürfen: Dazu gehört ganz sicher Remo Largos „Babyjahre“ oder Anne-Ev Ustorfs „Allererste Liebe“. Darüber hinaus bieten die lokalen Buchläden eine wahre Flut an Babyinfo-Sortimenten feil. Interessant klingen auch „Ein Baby will getragen werden“, „Oje, ich wachse“ und Ähnliches. Wie ihr dem Satz entnehmen könnt, habe ich diese sicher informativen und wertvollen Babylektüren jedoch nicht gelesen.

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Der Grund für meine dürftige Empfehlungsliste im Bereich Babyratgeber ist einfach. Als frischgebackene Mami hat man bemitleidenswert wenig Zeit für sich selbst. Und doch: Es gibt ein Leben nach dem Baby. Nach der nächsten Kackawindel, nach dem nächsten Breikochen, nach dem nächsten Geschrei und allem was darauf wieder folgt an endlosen Aktionen. Babys Socken und Schuhe suchen, Trinkbecher frisch auffüllen. Matschhose für den Herbst besorgen. Von Lieblingsaktionen wie FKK-Baby einfangen und Pipiinsel trocknen ganz zu schweigen…
Diese Leben ist anders. Es beginnt, wenn ich die Türe schließe und nur mit einer Handtasche ausgestattet durch die Stadt gehe. Wenn das Baby schläft, wenn die Großeltern einem zu Beginn – zugegeben zu Beginn etwas energischer – das Kind abnehmen und einen hinausschicken aus dem heimischen Hort.
Und dass lohnt sich. Das andere Leben ist nämlich wundervoll! Dort gibt es würdevoll fleckfreie rosa Hosen in chic, Ohrringe, in Ruhe getrunkenen Kaffee, eine Wiese mit strahlendem blauem Himmel an dem Schäfchenwolken hin und hertreiben und nichts und niemanden, der den Geist am Schweifen hindert. Endlich.

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Und dann, ich prophezeie es euch, kommt irgendwann der Wunsch nach etwas sehr Primitivem, etwas Elementarem, nach einem Grundbedürfnis des Menschen. Nein, nicht was ihr jetzt denkt. Im Park gibt es nämlich meist keine Toiletten. Bei länger geplantem Aufenthalt kann ich daher die örtlichen botanischen Gärten empfehlen… hier ist in dieser Hinsicht vorgesorgt…
Nein, es ist das Bedürfnis nach Fantasie, nach dem Träumen. Nach dem Ausbruch aus der eigenen kleinen Welt, die zugegebenermaßen seit der Geburt des Kindes noch winziger geworden ist.

Es ist das Bedürfnis nach einem guten Buch.

Ich habe das am Anfang gründlich missverstanden. Nach Germanistikstudium, weitreichenden Interessen im Bereich Multiculturalism und Indischer Roman erschien mir Salman Rushdi als Wiedereinstieg und Bildungslektüre nach der intensiven Phase der Babypflege als angemessen. Salman Rushdi, Könner der märchenhaften Poetik, Aufwiegler und kultureller Botschafter, verzeih mir. Aber die Art der Verschachtelung, der Andeutung und symbolträchtigen Figurengestaltung erinnert mich einfach zu sehr an…genau: Daran, dass mein Kopf auch mit Baby oft viel zu voll ist. Eine kleine Unterbrechung genügt – und von der gibt es tausende – und ich vergesse, was ich noch zwei Seiten zuvor gelesen habe.
Das hat mit Stilldemenz wenig zu tun. Man könnte es auch Tausend-Aktionen-Overkill nennen. Ich bezweifle inzwischen, dass es so etwas wie Stilldemenz überhaupt gibt, aber das nur so am Rande. Jedenfalls, Salman, es tut mir aufrichtig leid, aber ich habe deinen Roman nach Seite 67 erleichtert aus der Hand gelegt. Und seither nicht das Bedürfnis verspürt, das Lesen darin wieder aufzunehmen.

Stattdessen habe ich Kerstin Giers „Die Mütter-Mafia“, „Die Patin“, und „Gegensätze ziehen sich aus“ und Ben Bergners „Ich heirate Frau Antje ihre Familie“ und viele Romane von Ildiko von Kürthy verschlungen! Frauenroman-Regale in Büchergeschäften sind mir nun nicht mehr fremd, ich freue mich im Gegenteil an den bunten, leicht zu deutenden Titelbildern auf den Buchcovern und an den vielen pink- und hellblaufarbenen Büchern im Regal. Zu Beginn habe ich mich noch der skeptisch und meiner Meinung nach etwas abfällig auf mich herabsehenden Buchverkäuferin erklärt: „Wissen Sie, mein Sohn ist gerade erst 6 Monate alt geworden und ich kann mich einfach nicht in so etwas Komplexes hineindenken. Glauben Sie mir, ich habe es sogar mit Salman Rushdi versucht“.
Doch seit ich Gier, von Kürthy und all die anderen Meisterinnen der Ablenkung und der leichten Lektüre kenne, weiß ich, dass nichts besser zu einem Schäfchenwolkenhimmel passt. Und zu meiner wohlverdienten Auszeit.

Die bissigen Stilettos und Stilblüten von Kerstin Gier zum Beispiel passen wunderbar zu meiner vom Schlafmangel ohnehin gereizten Grundstimmung. Bergners Roman über die Verbindung eines Münchners mit einer echten Holländerin – und deren Sippe – treffen den Nerv meiner Umstände genau. Wir, die Familie, das sind jetzt auch Oma und Opa, Schwiegeroma und –opa, die Cousinen, Tanten, Onkels, Patenonkels in Spe und alle, denen man durch die Geburt des Plags zu einem neuen Verwandtschaftsgrad verholfen hat! Und das sind nicht wenige! Kulturelle Differenzen zwischen Sauerländern und Schwaben, überhaupt Differenzen zwischen Männern und Frauen kann man nach Bergners Lektüre besser einordnen und verstehen. Und Kürthy? Danke, einfach nur Danke, dass es dich gibt.

An dieser Stelle noch ein Hinweis auf die Art des Lektürekonsumierens: Mein kleiner Racker schläft – oh, Graus für alle Abnabelungsverfechter – noch immer in unserem Schlafzimmer. Juli und ich genießen das sehr und es ist in den meisten Fällen sehr praktisch.

Es gibt jedoch Momente, in denen vermisse ich es, abends noch ein wenig gemütlich im Bett liegen zu können und beim Schein der Schlafzimmerlampe zu lesen. Das Licht würde den Kleinen garantiert aufwecken. Eine super Möglichkeit, trotzdem im Bett „zu lesen“ ist es, sich die Romane auf den I Pod zu laden. Bei Audible.de zum Beispiel kann man die meisten mamatauglichen Bücher schnell und preiswert herunterladen. Herrlich das Gefühl, im Dunkeln zu munkeln, während Purzel pooft.

Viel Spaß beim Träumen und Gedanken schweifen lassen!

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