Lassen Sie mich ihr Kind einmal befingern! Ich bin ja schließlich blind!

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Baby befingernUnsere Kinder sind nicht unsere Kinder, sondern sie sind die Kinder der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst, sagt der Prophet in Kahil Gibrans gleichnamigem poetischen Roman. Bereits während der Schwangerschaft hat mich dieser Satz beschäftigt. Es geht darin ja vor allem um das Loslassen. Und Loslassen kann man als neugeborene Mutter sehr häufig üben! Als Frau ist man während der zehn Monate dauernden Schwangerschaft auf das Innigste verbunden mit dem Baby, das in einem und durch einen entsteht. Die Geburt trennt die beiden dann abrupt und meist unter heftigen Schmerzen und macht aus der einen eine Mutter, aus dem anderen ein Objekt der Begierde: ein Baby!

Ich meine das ganz wörtlich. Da komme auf einmal sämtliche Verwandte, Bekannte und Freunde und wollen das knuffige Kleine „auch einmal haben“. Während die Mutter noch damit beschäftigt ist, die Geburt zu verarbeiten, das Stillen und Versorgen des kleinen Schreihalses zu bewerkstelligen, wird parallel der neue Erdenbürger, der doch gerade noch in ihrem Leib versteckt war, von Interessierten umlagert!

Keine einfache Aufgabe für manch eine Mutter. Die Hormone und der natürliche Beschützerinstinkt tragen dazu bei, dass nicht selten bereits früh Konflikte entstehen. Etwa, wenn die frischgebackene Mutter, wie dies bei mir der Fall war, das Kind nicht gleich bereitwillig aus den Armen gibt.

Natürlich wird man gelassener, man bereinigt die Differenzen mit den Schwiegereltern in einer ausgeschlafenen Minute – meist erst Monate nach der Geburt, aber immerhin – und nimmt sein normales Elternsein auf. Mit der Zeit freut man sich sogar darüber, wenn Oma und Opa das Kleine für ein paar Stunden gütlich zu beschäftigen wissen und nimmt dankbar das Kind vollgekackt und dennoch sichtlich amüsiert wieder entgegen. Man erkennt: Life goes on. Die Sorgen waren unbegründet, man selbst ist überraschend erholt und das Plag hatte seinen Spaß!

Man denkt: Loslassen 101 habe ich also erfolgreich absolviert. Während man sich selbst noch auf die Schulter klopft, naht jedoch bereits die nächste Herausforderung. Die kommt meist sehr nett (!) daher…

SchaffnerinMir ist sie vor Kurzem in einem ICE begegnet. Mein Freund saß mit unserem Kleinen direkt neben mir, als die rote Zora mit ihrem Höllenknipser plötzlich vor uns stand. Nachdem sie unsere Fahrkarten bekommen hatte, wollte sie mehr! „Gib mir das Kind!“ in Rumpelstilzchen-Manier tanzte sie bei diesen Worten vor unserem Filius auf und ab. Dem Druck der Blicke anderer Fahrgäste im Bordrestaurant nachgebend, offenbar dankbare Schaulustige des bösen Spiels, reichte mein Freund der rotschopfigen Kindesentführerin unseren Sohn. Ich war schockiert! Beim besten Willen konnte ich mich nicht erinnern, einem zwergenwüchsigen Derwisch aus niederen Motiven meinen Erstgeborenen versprochen zu haben. Geld oder Gold waren in letzter Zeit auch nicht übermäßig üppig in meinen Geldbeutel geflossen.

Die als Schaffnerin getarnte Dame, eben noch ihren Dienst ausführend, ging sofort entschlossenen Schrittes hinüber in das nächste Abteil, mit unserem Sohn! Mein Freund hinterher. Doch es war zu spät, als mir das Kind – welch Erleichterung – wiedergegeben wurde, brüllte es aus vollem Halse Protest.Natürlich beschuldigte ich sofort meinen Freund der Kindesvernächlässigung und rang ihm das Versprechen ab, das Kind nie wieder einem fremden Rumpelstilzchen oder einer bösen Stiefmutter in die Hände geraten zu lassen.

Doch wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich selbst ganz gut, dass das nicht immer einfach ist. Schon gar nicht unter den Augen der Schaulustigen. Der Konflikt ist folgender: Du bist mit deinem Kind in der Öffentlichkeit. Ein Fremder, unter Vorspiegelung bester Absichten, begehrt plötzlich dein Kind. Meist geschieht dies sehr schnell, so dass alles wie selbstverständlich wirkt. So neulich im Mutter-Kind-Zentrum, in dem ich mit Julius einmal pro Woche frühstücke und mit den Müttern quatsche, während Juli sich speichelbrüderlich die Spielsachen mit den anderen Baby teilt und sich entweder an den Haaren reißen lässt oder selbst daran bei Anderen reißt. Außerdem singen wir dort und hören uns manchmal mutterthemengerechte Vorträge an über Babys Schlafverhalten und was wir daran nicht ändern können oder über ergotherapeutische Frühförderung. Letzeres scheint relativ undurchschaubar, zumindest war ich nicht in der Lage auch nur einen ergotherpeutischen praktischen Hinweis mit nach Hause zu nehmen.

An besagtem Tag der Prüfung meiner Fähigkeit des Loslassens war eine Frau im Mütterzentrum zu Gast, die spontan einen Vortrag vor uns Muttis halten wollte. Es ging um autogenes Training oder so etwas Ähnliches. Besonders intellektuell waren die Vorträge nie, erwähnte ich das schon? Am liebsten hätte ich Juli gleich wieder nach Hause befördert, doch das wäre bei der geringen Teilnehmerzahl garantiert aufgefallen. Also blieb ich.

RumpelstilzchenLeider hatte ich den Fehler gemacht, mich am Frühstückstisch direkt neben die Dame zu setzen, die den Vortrag halten sollte. Nach kurzem und unergiebigem Geplänkel, wie alt ist ihr Kind, Mädchen oder Junge, wie ist sein Name, kam die Gute auch schon zur Sache: „Lassen Sie mich ihr Kind einmal befingern! Ich bin ja schließlich blind!“ Ich schluckte. Nein, das geht nicht, mein Kind hat eine schlimme und außerdem ansteckende Krankheit und würde ihnen beim Befingern außerdem wahrscheinlich sehr schmerzhafte Bisswunden zufügen, wollte ich sagen. Wahrscheinlich hatte man mich aufgrund politischer Unkorrektheit und Behindertenfeindlichkeit nie wieder an den Sing und Tratsch-Treffen im Mütterzentrum zugelassen. Man ist dort sehr für Inklusion und Fremdenfreundlichkeit.

Vor kurzem hat die sehr redsame Cafefrau Margret oder so, eine kurzgeschorene Blonde auf schwarzen Lackstiefeln jenseits der 50, versucht uns Teilnehmerinnen für den Besuch des arabischen Babycafes zu begeistern. Es sei so schwer, für die Leiterin des Treffens, die arabischen Frauen aus unserem Viertel für das arabische Babycafe zu begeistern. Warum dann jedoch ausgerechnet wir deutschen, peruanischen und koreanischen Mütter teilnehmen sollten, kann ich mir bis heute nicht erklären. Wo doch die Araberinnen mit ihren Babys ganz einfach auch zu unseren Singmorgen kommen könnten?

Um es kurz und schmerzvoll zu machen. Ich ließ mein Kind befingern. Schließlich wollte ich wiederkommen. Julius trug es mit Fassung. Ich litt ein wenig unter meiner Feigheit und vergaß den Vorfall dann bald. Bis zu meiner Begegnung mit Rumpelstilzchen. Und auch die werde ich bald vergessen haben, bis zum nächsten Übergriff auf mein Kind. Und wer weiß, vielleicht sage ich zu der als nette Oma getarnten Kinderbegrabscherin dann auch einmal: „Lassen Sie das gefälligst, ich fasse ihnen doch auch nicht einfach ins Gesicht.“ Und damit Punkt aus Basta.

Denn ganz klar: Irgendwo hat auch das Postulat des Loslassens seine Grenzen, finde ich! Ob die Begegnung dann ganz so märchenhaft endet, wage ich allerdings zu bezweifeln.

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